Stimme und der Einfluss von Hormonen

„Die menschliche Stimme ist kein statisches Konstrukt, sondern ein dynamisches, hormonell mitgesteuertes, neurophysiologisch und biomechanisch hochkomplexes System. Der Kehlkopf, als zentrales Organ der Stimmgebung, unterliegt im Verlauf des Lebens zahlreichen Einflüssen endokriner, nervaler und mechanischer Natur. Insbesondere Hormone wie Östrogene, Gestagene, Androgene, Cortisol sowie Schilddrüsenhormone haben entscheidenden Einfluss auf die Struktur und Funktion des Larynx und der Stimmlippen.“ (Helbing, 2025, S.9)

Die Stimme ist also kein isoliertes Instrument. Sie ist eingebettet in ein komplexes Zusammenspiel aus Körper, Psyche und Um-/Mitwelt – und sie reagiert sensibel auf hormonelle Veränderungen.

Dies gilt es vor allem in den Lebensphasen der Pubertät, Schwangerschaft, Menopause und im höheren Lebensalter zu berücksichtigen. Außerdem können endokrinologische Erkrankungen wie Schilddrüsenfunktionsstörungen mit stimmlichen Symptomen verbunden sein.

„Die Stimme ist daher nicht nur ein Ausdrucksträger von Emotion, Persönlichkeit und Identität, sondern auch ein sensibler Indikator innerer, insbesondere hormoneller Veränderungen.“ (Helbing, 2025, S.15)

Erkenntnisse über die Auswirkungen von Hormonen auf die Stimme sind besonders wertvoll für Menschen, die beruflich oder künstlerisch mit ihrer Stimme arbeiten – und für alle, die verstehen möchten, warum die Stimme manchmal „anders klingt“, ohne dass eine Erkrankung vorliegt.

Wie Hormone die Stimme beeinflussen:

Hormone wirken auf nahezu jedes Gewebe im Körper, auch auf die Schleimhäute, Muskeln und Nerven, die an der Stimmproduktion beteiligt sind. Afsah (2024) und andere Expert*innen beschreiben, dass hormonelle Schwankungen die Beschaffenheit der Stimmlippenschleimhaut, die Spannung der Stimmlippenmuskulatur und sogar die Koordination der Atem‑Stimm‑Führung beeinflussen können.

Das erklärt, warum viele Menschen zyklusabhängige oder hormonell bedingte Veränderungen ihrer Stimme wahrnehmen.

Die medizinische Forschung ist historisch nicht neutral, vielmehr wurde sie über Jahrzehnte hinweg überwiegend auf männliche Körper ausgerichtet. Dieses strukturelle Defizit in der Berücksichtigung biologisch weiblicher Körper führt bis heute dazu, dass die Gesundheit von biologischen Frauen untererforscht ist, viele Symptome schlechter verstanden werden und geschlechtsspezifische Unterschiede oft erst spät erkannt werden. Dabei handelt es sich um ein Beispiel für den sogenannten Gender-Health-Gap, also die Gesundheits-Ungleichheits-Lücke zwischen den Geschlechtern.

Wenn ich im Folgenden auf wissenschaftliche Erkenntnisse eingehe, stütze ich mich vor allem auf die begrenzte, aber vorhandene Forschung zu biologisch weiblichen Personen. Das bedeutet nicht, dass andere Gender weniger relevant wären, sondern spiegelt lediglich wider, wie ungleich die wissenschaftliche Aufmerksamkeit verteilt wurde und versucht an der Schließung der Forschungslücke mitzuwirken.

Gleichzeitig richtet sich diese Information an alle Menschen, unabhängig von ihrer Genderidentität, die ähnliche körperliche Erfahrungen oder Symptome bei sich feststellen. Die verwendeten Begriffe dienen der Einordnung der verfügbaren Daten und sollen niemanden ausschließen, sondern im Gegenteil sichtbar machen, wo Forschungslücken bestehen und wen sie betreffen.

1. Die ersten und auffälligsten Veränderungen treten in der Pubertät auf:

  • Die männliche Stimme sinkt durch Hormone um bis zu eine Oktave ab. Es vergrößert sich zudem die Abmessungen des Stimmapparats und des Kehlkopfes und die Stimmlippen werden dicker und länger, wodurch sich die Grundfrequenz der Stimme senkt. Männer erleben eine ausgeprägtere anfängliche Stimmveränderung in der Pubertät, weisen dann aber über ihre gesamte Lebensspanne hinweg relativ stabile Spiegel an Sexualhormonen auf und durchlaufen später weniger Stimmveränderungen.
  • Die weibliche Stimme wird um ein Drittel tiefer. Der Stimmapparat und die Stimmlippen bei biologischen Frauen sind kürzer als bei biologischen Männern, was zu einem helleren Stimmklang und einer höheren Stimmlage führt.

2. Bei biologischen Frauen treten zyklische Stimm- und Kehlkopfveränderungen mit jedem Menstruationszyklus auf:

  • In bestimmten Zyklusphasen klingt die Stimme messbar anders. Östrogen und Progesteron beeinflussen die Schleimhaut der Stimmlippen besonders in der prämenstruellen Phase – ähnlich wie andere Schleimhäute im Körper. Erhöhtes Progesteron kann z. B. zu Trockenheit, Schwellung oder verminderter Belastbarkeit führen. Dadurch können Schwierigkeiten beim Singen hoher Töne sowie Stimmermüdung, Veränderungen der Stimmqualität und ein verringerter Stimmumfang auftreten.
  • Außerdem wird von Expert*innen auf die Rolle von Sekundäreffekten der mit dem prämenstruellen Syndrom (PMS) verbundenen Stimmungsschwankungen und Bauchkrämpfen auf die Stimme hingewiesen. Beides kann zu einer Verspannung der Kehlkopfmuskulatur und Veränderung der Atemführung führen, was bedeutet, dass biologische Frauen, die unter PMS leiden, eine größere Neigung zu prämenstrueller Dysphonie haben (Afsah, 2024).

3. Hormonelle Verhütungsmittel können die Stimme beeinflussen. Betroffen sind vor allem der Stimmumfang, die Klangfarbe und die Stimmstabilität (Caruso et al., 2000).

4. In der Schwangerschaft kann es besonders im dritten Trimester zu Stimmveränderungen in Form von Stimmermüdung und Heiserkeit kommen. Dabei spielen der erhöhte Östrogen- und Progesteronspiegel, der Stand des Zwerchfells, Reflux, die Nasenschleimhautbeschaffenheit (Rhinitis) und die daraus resultierende Atemform eine Rolle. Die Grundfrequenz der Stimme kann sich verringern, es kann zu Ödemen und einer Schwellung der Kehlkopfschleimhaut kommen.

Afsah (2024) empfiehlt die Beratung schwangerer Frauen über schlechte Stimmgewohnheiten und Stimmhygiene. Atemübungen und professionelle Stimmunterstützung während der Schwangerschaft können für professionelle Stimmnutzer*innen von besonderer Bedeutung sein (Afsah, 2024).

5. Stimmliche Veränderungen treten zudem auch in der zweiten Lebenshälfte auf:

Auch die Wechseljahre können durch den Abfall von Progesteron und Östrogenen zu einem veränderten Stimmklang bei biologischen Frauen führen. Dies kann zu einer Verdickung der Stimmlippen beitragen und sich in einer leichten Absenkung der Stimmlage, einer Stimmermüdung, einem eingeschränkten Stimmumfang und der Unfähigkeit, hohe Töne zu singen äußern (Afsah, 2024; Zamponi et al., 2021).

Diese Stimmveränderungen können sich gegebenenfalls durch eine Hormonersatztherapie rückgängig machen lassen (Amir & Kishon-Rabin, 2004).

Bei biologisch männlichen Personen ist das Altern mit einer fortschreitenden Ausdünnung der Stimmlippen verbunden. Nach dem 30. Lebensjahr sinkt der Testosteronspiegel um 1 % pro Jahr. Bei Männern über 65 Jahren wird dadurch der Musculus vocalis beeinträchtigt, was zu einer Wölbung der Stimmlippen und einem verminderter  Stimmlippenschluss mit wahrnehmbarer Heiserkeit führen kann. Zudem können eine erhöhte Grundfrequenz und damit eine Feminisierung der Stimme wahrgenommen werden (Afsah, 2024).

6. Auch Schilddrüsenhormone spielen eine Rolle. Hormonschwankungen können zu Heiserkeit, Stimmermüdung und Veränderung der Stimmlage führen (Helbing, 2025).

Ausblick:

Viele Menschen empfinden es als beruhigend zu wissen, dass stimmliche Schwankungen normal und biologisch erklärbar sind und kein Zeichen mangelnder Gesundheit oder Technik sein müssen.

Stimmcoaches, Ärzt*innen, Gynäkolog*innen und Endokrinolog*innen können gemeinsam dazu beitragen, stimmliche Veränderungen besser zu verstehen und zu begleiten.

In meinem Coaching werden Belastungsspitzen berücksichtigt und stimmliche Selbstfürsorge entwickelt. Wer die Zusammenhänge von Hormonsystem und Stimmsystem versteht, kann achtsamer mit der eigenen Stimme umgehen, sie besser schützen und ihr Raum geben, sich im eigenen Rhythmus zu entfalten.

Quellen:

Afsah, O. Effects of hormonal changes on the human voice: a review. Egypt J Otolaryngol 40, 22 (2024). https://doi.org/10.1186/s43163-024-00578-5

Amir, O., & Kishon-Rabin, L. (2004) Association between birth control pills
and voice quality. Laryngoscope 114:1021–1026. https:// doi. org/ 10. 1097/
00005 537- 20040 6000- 00012.

Caruso, S. et al. (2000). Laryngeal cytological modifications in women taking oral
contraceptives. Contraception, 62(6), 309–312.

Helbing, M., Stimmkontor Hannover (2025). STIMME IM WANDEL – HORMONE,
LEBENSPHASEN UND DYSPHONIEN. Skript der Fortbildung Hormonelle Auswirkungen auf die Stimme. Selbst-Verlag.

Zamponi, V., Mazzilli, R., Mazzilli, F., & Fantini, M. (2021). Effect of sex hormones on human voice physiology: from childhood to senescence. Hormones 20, 691–696. https://doi.org/10.1007/s42000-021-00298-y

Weiterführende Literatur:

Amir, O., & Shiran, T. (2004). The impact of hormonal fluctuations on female vocal folds. Journal of Voice, 18 (4), 538–545

Dhoke, S. & Prajapati, M. (2025). THE IMPACT OF HORMONAL FLUCTUATIONS ON VOICE ACROSS DIFFERENT GENDERS AND AGE GROUPS. EPRA International Journal of Research & Development (IJRD). 229-234.

Gottfried, M., et al. (2014). Effects of corticosteroids on vocal fold histology.
Journal of Voice, 28(5), 645–650.

Hilliger, L., Ziemer, S., Simpson, A. P., & Weirich, M. POTENZIELLE VERÄNDERUNGEN IN VOT BEI PLOSIVEN WÄHREND DES MENSTRUATIONSZYKLUS. P&P20–2024, 72.

Ohno, T., Hirano, S., Rousseau, B., Hiwatashi, N., Suehiro, A.,
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Pedersen, M., Jønsson, A. O., & Larsen, C. F. (2020). Hormonal regulation of normal voice production in adolescence, a review. J Clin Case Stu, 5(4).

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