In der Weiterbildung GABE© Basics bei Norbert Faller lernte ich vieles über die Atem- und Stimmarbeit mit Menschen mit Traumaerfahrung, die in meine Arbeit im trauma- und umweltsensiblen Atem-, Sprech- und Stimmcoaching einfließen. In der Ausbildung zur Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin nach Schlaffhorst-Andersen hatte ich mir oft die Frage gestellt, worauf es zu achten gilt, in der Arbeit mit Atmung und Stimme und Menschen mit Traumaerfahrung. Ich erhielt dort einen großen Wissens- und Erfahrungsschatz über Übungen, aber keine Antworten auf diese Frage. Erst nach der Weiterbildung bei Norbert Faller und der Entwicklung einer traumasensiblen Haltung, konnte ich diese Übungen in der Arbeit mit Menschen mit Traumaerfahrung einsetzen.
(Umwelt-) Einflüsse außerhalb oder innerhalb des Körpers wirken auf das Nervensystem und werden durch Neurozeption überprüft und als sicher, gefährlich oder lebensbedrohlich eingestuft. Die Einstufung als „sicher“ lässt ein spontanes interagieren mit anderen durch Augenkontakt, Gesichtsausdruck und Tonfalländerung zu und soziale Verbundenheit kann entstehen. Die Einstufung als „gefährlich“ hingegen veranlasst das Zurückgreifen auf defensive Strategien, die auf der Grundlage des Kampf- und Fluchtreflexes zu einer Mobilisierung führen. Die Einstufung als „lebensbedrohlich“ führt wiederum zum Ergreifen defensiver Strategien, wie das totstellen und abschalten und geht mit einer Immobilität einher (Somatic Experiencing 2014, A1, 15).
Letzteres kann zu einem Trauma führen. Peter Levine betont dabei:
„Ein Trauma ist keine Krankheit, sondern eine Störung des Regulationszyklus des Nervensystems in der Folge einer starken Bedrohung. (…) Die instinktiven, biologischen Überlebensmechanismen Kampf, Flucht und Totstellreflex/Immobilität (Freeze) werden zwar initiiert, kommen aber nicht zum Abschluss.“ (Levine, 1998)
Als mögliche Trauma auslösende Ereignisse nennt Norbert Faller unter anderem:
- Gewaltanwendung/physische Misshandlung
- Naturkatastrophe
- sexueller Übergriff
- Krieg
- Unfall
- Sturz
- Operation
- lebensbedrohliche und extrem beeinträchtigende Erkrankung
Eine andere Form der Traumatisierung kann durch frühe lebensbedrohliche Erfahrungen entstehen, wenn ein Kind nicht in der natürlichen Entwicklung und in Grundbedürfnissen unterstützt oder sogar durch seine soziale Umwelt beeinträchtigt wird. (Faller, 2025)
Trauma und dessen Auswirkungen auf das Nervensystem können folgendermaßen erklärt werden:
Laut Peter Levine stört ein Trauma die Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche im Gehirn. Dadurch kann es passieren, dass Menschen in bestimmten Situationen bewusst oder unbewusst „abschalten“ – das nennt man Dissoziation. Um ein Trauma zu verarbeiten, muss das Gehirn wieder besser zusammenarbeiten. Die Bereiche Stammhirn, limbisches System und Cortex sollen wieder miteinander verbunden werden. Sprechen hilft dabei: Wenn man sich austauscht, bleibt der Cortex aktiv. Das bedeutet, dass das Gehirn besser integriert ist und man beim Arbeiten mit traumatischen Erinnerungen weniger leicht dissoziiert (Levine, 1998)
Außerdem weist Faller darauf hin, dass bei einer Person mit Traumaerfahrung durch eine traumasensiblen Begleitung der ventrale Vagusnerv aktiviert wird und damit ein/eine empathische/r Zeuge/Zeugin als stabilisierende Instanz an die Seite gestellt wird (Faller, 2026). Dabei gilt es darauf zu achten, dass Kontrolle und Selbstbestimmung ermöglicht werden, da sich traumatische Situationen durch ein Fehlen eben solcher auszeichnen (Faller, 2026). Das Trauma ist als Teil der Vergangenheit im Körper gespeichert. Einen stabilisierenden Effekt kann eine Verankerung im „Hier und Jetzt“ haben (Faller, 2026). Dabei kann die Orientierung im Raum genutzt werden, um im Außen und im „Hier und Jetzt“ Sicherheit zu finden und Veränderungen und Selbstregulation möglich werden zu lassen. (Faller, 2025)
In der Atemarbeit nach Norbert Faller wird im Zusammenhang mit Übungen nach Sinneseindrücken, Bildern, Bewegungs- und Verhaltensimpulsen, Stimmungen und Gefühlen und/oder Bedeutungen gefragt (Faller, 2026). Diese verbale Begleitung ist besonders für Menschen mit Trauma unterstützend, da ihre Erfahrungswelt oft eingeschränkt ist (Faller, 2026). Durch die Reflexion können Erfahrungen „verbreitert“ werden und ein ganzheitliches „Bewusst-Sein“ entwickelt werden (Faller, 2026). Die offenen Fragen sollen Raum für das Empfinden und Erfahren geben, die Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung werden gefördert und integriert (Faller, 2026).
Die Wechselwirkung zwischen Atmung, Stimme und Trauma, welches sich im Körper festgesetzt hat, kann sich durch eine Anspannung und Blockierung des Zwerchfells und anderer Diaphragmen im Körper sowie Zuständen der Übererregung, Dissoziation und Gefühlen der Angst und des Ausgeliefertseins ausdrücken (Faller, 2025). Den daraus resultierenden Atemstörungen kann durch traumasensible Atemarbeit mit Bewegung, (Selbst-)Berührung, Stimme und Atem entgegengewirkt werden (Faller, 2025). Allerdings braucht diese Arbeit eine sensible, wertschätzende und kompetente Begleitung, da durch Übungen auch Traumaerfahrungen getriggert werden können, was vermieden werden sollte (Faller, 2026).
Gemeinsame Ziele in der Atem- und Stimmarbeit nach der GABE©-Methode und der Schlaffhorst-Andersen Methode, die in einem trauma- und umweltsensiblen Atem-, Sprech- und Stimmcoaching angestrebt werden können:
- Regulation des autonomen Nervensystems
- Beruhigung der Gedanken und Zentrierung
- Stabilität, Rückhalt und Körperanschluss
- Orientierung, Sicherheit und Grenzen
- Atemrhythmus, Atembewegung und Atemraumerweiterung
- Bodenkontakt/Erdung und Aufrichtung
- Wohlspannung, Durchlässigkeit und Beweglichkeit
- Innere und äußere Bewegung und Verbundenheit und Kohärenz
- Verbesserung der Stimmung und positive Gefühle
- Ermächtigung und Selbstwirksamkeit
- Lebensenergie und Lautkraft
„Sich bewusst dem Atem zuzuwenden, führt auch ins Hier und Jetzt. Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen offen und neugierig sind, den Körper und Atem in Sammlung und Achtsamkeit zu erfahren.“ (Faller, 2026, S.5)
Quellen:
Faller N. (2026). Grundlagen und verbale Begleitung. Skript 1 der Weiterbildung GABE® Basics. Selbst-Verlag.
Faller N. (2025). Grundlagen und verbale Begleitung. Intro der Weiterbildung GABE® Basics. Selbst-Verlag.
Faller, N. (2003). Trauma und Atemarbeit. Selbst-Verlag Wien.
Levine, P. A. (1998). Trauma-Heilung: das Erwachen des Tigers; unsere Fähigkeit traumatische Erfahrungen zu transformieren. Essen: Synthesis Verlag.
Somatic Experiencing® (SE). (2014). Ausbildungsmanual. Selbstverlag.
